Traut Euch, CDU! Endlich gleiche Rechte für alle Paare

Hier können Sie sich die Rede aus dem Landtags-TV anschauen (unten in Textform):

Rede im Niedersächsischen Landtag vom 03.06.2015

Aktuelle Stunde:

Traut Euch, CDU! Endlich gleiche Rechte für alle Paare

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Präsident,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

vor drei Jahren war ich Trauzeugin bei einer guten Freundin von mir. Es war eine schöne, emotionale standesamtliche Zeremonie, sehr feierlich. Danach gab es eine schöne Feier mit allem Drum und Dran, Fotograf, Überraschungen von Freunden, festlicher Rahmen. Wie man sich das eben so vorstellt auf einer Hochzeit. Der einzige Unterschied war der, dass meine Freundin keinen Mann geheiratet hat, sondern eine Frau. Geheiratet haben sie also eigentlich streng genommen gar nicht, sondern sie haben eine Lebenspartnerschaft eintragen lassen. Sind sie jetzt verheiratet? Oder verpartnert? Gibt es das Wort überhaupt? Die automatische Worterkennung bei Word kennt es jedenfalls nicht, wie ich gestern festgestellt habe.

Für meine Begriffe als Trauzeugin, als Freundin – auch für die Begriffe aller anderen, die an dem Tag dabei waren, haben die beiden geheiratet. Es war eine Hochzeit. Die beiden wollen füreinander einstehen. Sie haben vor der Standesbeamtin bekannt, dass sie eine dauerhafte Verbindung auf Lebenszeit eingehen wollten – genauso, wie heterosexuelle Paare das eben auch tun. Rechtlich treffen sie dieselben Pflichten, die heterosexuelle Paare auch haben.

Ich finde: Es ist an der Zeit, dafür zu sorgen, dass sie endlich auch dieselben Rechte bekommen!

Entscheidend ist doch, dass zwei Personen Verantwortung füreinander übernehmen wollen. Dass sie füreinander einstehen wollen.

Das Institut der bürgerlichen Ehe wird nicht darunter leiden, dass man es für gleichgeschlechtliche Verbindungen öffnet. Meine eigene Ehe zu meinem Mann wird doch nicht dadurch abgewertet, dass meine Freundin mit einer Frau verheiratet ist!

Das Institut der Ehe krankt doch heutzutage viel eher daran, dass viele Menschen eben nicht mehr bereit sind, füreinander einzustehen. Dass viele lieber unverbindlich bleiben.

Wenn zwei Menschen aber aus vollem Herzen und aus tiefer Überzeugung „Ja“ zueinander sagen, dann ist es für mich und für meine Fraktion egal, um wen es sich dabei handelt. Ob es eine Frau und ein Mann, zwei Männer, zwei Frauen, Transgender oder wer oder was auch immer sind. Dann sollen die beiden heiraten dürfen. Eine Ehe miteinander eingehen – und zwar eine richtige, echte Ehe. Ohne Einschränkungen.

In dem Zusammenhang habe ich vor zehn Minuten gerade der Presse entnommen, dass Frau Kramp-Karrenbauer meint, dass eine Öffnung der Ehe für Homosexuelle auch der Ehe für mehr als zwei Menschen den Boden bereiten würde und dass man jetzt auch der Ehe unter Verwandten, im Prinzip also dem Inzest, Tür und Tor öffnen würde. Das ist wirklich an den Haaren herbeigezogen!

Und wenn Frau Steinbach auch noch verlauten lässt, die militanten Homoaktivisten – ich muss das Wort noch einmal nachlesen – seien nicht die Einzigen, die das Recht auf eine Meinung haben, kann ich nur sagen: Wir sind – das kann ich, glaube ich, zumindest für diese Seite des Hohen Hauses sagen – mitnichten militante Homoaktivisten. Da hat, glaube ich, – mit Verlaub – Frau Steinbach den Schuss nicht gehört.

Deutschland war im Jahr 2001 mit dem unter der rot-grünen Bundesregierung beschlossenen Lebenspartnerschaftsgesetz Vorreiter in Europa. Jetzt hat uns aber die Lebenswirklichkeit überholt. In der Wirklichkeit des Jahres 2015 gibt es nicht mehr nur die typische deutsche Standardfamilie Papa, Mama und zwei Kinder. Die gibt es auch noch, klar. Ich habe selbst zu Hause eine davon. Aber heute gibt es viel mehr: Es gibt unzählige Formen von Patchworkfamilien, Alleinerziehenden, Müttern, die mit einer Frau verpartnert sind, die die Kinder ihrer Partnerin adoptiert hat, Familien mit zwei Vätern und viele weitere verschiedene Lebens- und Familienformen.

Das ist die Realität. Wir alle hier drehen das Rad nicht zurück – und das ist auch gut so. Meiner Meinung nach – und nach Meinung von Rot-Grün – soll – solange niemand anders gefährdet oder geschädigt wird – jede und jeder so leben, wie er oder sie es für richtig hält. Es ist nicht an uns, über den Lebensweg anderer Menschen zu entscheiden.

Meine Freundin und ihre Frau hätten übrigens gerne ein leibliches Kind, das eine von beiden austrägt. Das ist aber in Deutschland unzulässig. Samenspenden bekommen in Deutschland nur verheiratete heterosexuelle Paare. Nun kann man zur Samenspende als solcher stehen, wie man will – wenn man dagegen ist, dann muss man es aber konsequenterweise auch bei heterosexuellen Paaren sein.

Natürlich weiß ich auch, dass es nicht nur im konservativen Lager Stimmen gibt, die sagen: Ein Kind braucht Vater und Mutter. Und man kann sagen: Ja, von der Natur ist das so vorgesehen, dass jeder Mensch zumindest zu Beginn seines Lebens einen Vater und eine Mutter hat. Und es ist schön, wenn man eine liebevolle Familie hat.

Aber glauben Sie allen Ernstes, dass jedes Kind, das bei heterosexuellen Eltern aufwächst, aus diesem Grund auch automatisch geliebt wird, automatisch gute Startvoraussetzungen hat und immer die optimale Unterstützung erhält? Wir haben alle genug Beispiele vor Augen, in denen das nicht der Fall ist.

Und glauben Sie nicht auch, dass es für ein Kind entscheidend ist, dass es geliebt und unterstützt wird und so angenommen wird, wie es ist? Dass es für ein Kind auch ein Wert an sich ist, wenn die Familie intakt ist und die Eltern sich lieben – auch wenn es sich dabei um zwei Mütter handelt?

Wir jedenfalls glauben das.

Und wir fordern deshalb nicht nur gleiche Pflichten für alle, sondern auch gleiche Rechte für alle. Wir wollen daher eine echte Ehe für alle.

Vielen Dank.